Innovation aus der Zukunft: Potentiale vs. Trends

Nach den vielen Überlegungen zu Innovation, zu “learning from the future as it emerges” und zur Unterscheidung zwischen “purpose” und “meaning” ist es nun an der Zeit, sich Gedanken zu der Unterscheidung zwischen Potentialen und Trends zu machen. Denn obwohl beide in der Zukunft liegen und beide für Innovation relevant sind, bezeichnen sie doch unterschiedliche Phänomene.

Eines steht außer Frage: sowohl ein Trend als auch ein Phänomen befasst sich mit der Zukunft. Während ein Trend als eine Veränderung oder eine Bewegung erkannt wird, die bereits stattfindet, ist ein Potential unschärfer und liegt normalerweise weiter in der Zukunft. Ist ein Trend bereits klar sichtbar (z.B. in der Mode oder in der Technologie), kann das Potential weder vollständig erkannt noch gut verstanden werden. Ein Potential kann nicht dadurch identifiziert werden, indem NutzerInnen beobachtet werden, die einen bestimmten Trend leben – da das Potential weit vor dem Trend liegt. Es ist etwas, das im Entstehen ist und sich noch nicht zeigt. Es sind nicht einzuordnende Verhaltensweisen, alternative (Lebens)Entwürfe, subtile Veränderungen z.B. in Wertesystemen oder Mindsets, oder ähnliches, die sich noch nicht in konkreten, existierenden Objekten, Dingen oder Phänomenen zeigen. Ein Potential ist immer verborgen oder latent, es ist “noch nicht”, es kann nicht direkt erkannt oder über unsere Sinnesorgane wahrgenommen werden.

Potentiale zeigen sich nicht klar, sie “liegen in der Luft”

Ein Potential “liegt in der Luft”, es ist subtil und “unter der Oberfläche” des bereits Wahrnehmbaren. Man muss erst tief in das Feld eintauchen und es empathisch erspüren, es von Innen heraus kennenlernen. In vielen Fällen hat ein Potential seinen Ursprung in fast nicht mehr erkennbaren Veränderungen, wie etwa in sozialen Werten oder in kulturellen Verschiebungen. Da sich diese Veränderungen nicht an einem konkreten Ereignis oder einem speziellen Phänomen festhalten lassen, ist ein “sense-making“ Prozess notwendig. “Sense-making“ bezeichnet ein Eintauchen in die Thematik und ein tiefes Verständnis des Gegenstandes und seiner Zusammenhänge. So kann identifiziert werden, worum es bei Potentialen eigentlich geht: welcher potentieller Zweck, Wert oder Need steht dahinter? Was könnte eine ungenutzte Nische sein? Welche Implikationen hat dies für die nächsten Schritte der Transformation in der Gegenwart?

Beispiel: Blockchain-Technologie — sowohl als Trend als auch Potential
Ein gutes Beispiel zur Veranschaulichung stellt die Blockchain-Technologie dar. Zum einen ist sie ein Trend, der z.B. unsere Art, Finanztransaktionen oder Verträge durchzuführen, drastisch verändert hat. Diese neue Technologie und Dienstleistung ist allerdings aus einer zukunftsorientierten Innovationsperspektive eher eine Projektion aus der Vergangenheit. Sie repräsentiert Variationen bereits bestehender Probleme, Lösungen und Ansätze.

Die Potentiale des Blockchain-Ansatzes gehen jedoch viel tiefer: Sie berühren qualitative Themen und unter anderem Fragen bezüglich neuer Formen der Vertrauensbildung, Peer-to-Peer-Interaktion, verteilte Verarbeitung und Dezentralisierung, neue Formen der Gestaltung sozialer Verträge, neue Formen des Wirtschaftens, der Zusammenarbeit und der Wissensarbeit und vieles mehr.

Innovation “von innen nach außen”

Derzeit ist noch nicht klar, was mögliche Produkte oder Dienstleistungen sein könnten – und es ist noch viel unsicherer, welche möglichen zukünftigen Bedürfnisse und Nutzungen diese erfüllen und welche Nischen sie eröffnen könnten. Der Punkt ist, dass es notwendig ist, in einem ersten Schritt all diese Themen und ihre Beziehungen untereinander zu verstehen und tief in die ihnen zugrundeliegende Potentiale einzutauchen. An diesem Punkt geht es nicht darum, bereits an mögliche Lösungen oder Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu denken. Es geht vielmehr darum, sich mit dem Kern dieser Themen auseinanderzusetzen und zu überlegen, welche Potentiale in diesem Kern noch nicht ausgeschöpft wurden bzw. noch entstehen wollen.

Erst dann macht es Sinn, über mögliche Bedürfnisse, Zwecke (“purposes“), Anwendungen oder Lösungen nachzudenken und “von innen nach außen“ zu innovieren. Innovation „von innen nach außen“ bedeutet, die Potentiale des Kerns zu konkreteren Artefakten zu entwickeln. In den meisten Fällen stellt dies sicher, dass sowohl neuartige als auch nachhaltige und fruchtbare Innovationen aus einem solchen Prozess hervorgehen. Mehr Informationen dazu gibt es in den Blogposts “Strategien der Innovation“, „Hindernisse der Innovation“ und “Innovation aus dem Inneren heraus”.

Image: Werner du Plessis at Unsplash