Die Renaissance des Landlebens: Können wir das Dorf wieder zum Leben erwecken?

Autorin: Lena Müller-Naendrup

Durch Dörfer und ländliche Kleinstädte zu spazieren ist in den letzten Jahren in ganz Europa immer deprimierender geworden. Verlassene Ortskerne mit leeren, verstaubten Schaufenstern und ausbleibende Geschäftigkeit haben das charakteristische Bild des Landlebens geprägt.

Das Versprechen von wirtschaftlichem und kulturellem Wohlstand, von sozialer Anbindung und gelebtem Liberalismus hat viele junge Menschen in Großstädte gezogen, die dort ihre Träume verwirklichen (wollen). Das proklamierte Motto „Stadtluft befreit“ hat dem anhaltenden Trend der Landflucht und Urbanisierung Vorschub geleistet.

Ganz im Allgemeinen haben sich die Europäer:innen im Laufe der Zeit zu einer überwiegend städtischen Bevölkerung entwickelt. Im Jahr 2020 lebten 40 % der europäischen Bevölkerung in Städten, 32 % in Vor- und Kleinstädten, und nur 28 % in ländlichen Regionen. Europäische Hauptstädte wie Berlin oder Paris wachsen derartig rasant, dass es zur großen Herausforderung wird, die Infrastrukturen, Wohnungen und Pflegedienste für die steigende Nachfrage zu rüsten.

Vor allem Hauptstädte ziehen das Bildungsbürgertum sowie ein internationales, pluralistisches Milieu an und entwickeln sich so zu Zentren wissenschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Innovation. Schätzungen zufolge wird in dreißig Jahren mehr als die Hälfte der EU-Bevölkerung in städtischen Gebieten leben, während die Zahl der Einwohner:innen in ländlichen Gebieten um acht Millionen sinken wird.

Der Trend zur Landflucht wird vor allem durch einen „Teufelskreis des Niedergangs“ („vicious circle of decline“) weiter vorangetrieben. Die meisten Menschen, die auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten und Wohlstand das Dorf hinter sich lassen, um in der Stadt ihr Glück zu suchen, sind in der Regel jung und lassen Regionen mit sinkenden Geburtenraten, negativem Wachstum und einer alternden Bevölkerung zurück.

Infolgedessen leiden rurale Gebiete unter einer schleppenden wirtschaftlichen Dynamik, die in mangelhafter Infrastruktur und einem Rückzug öffentlicher Dienstleistungen wie Schulen und Gesundheitseinrichtungen Ausdruck findet. Um nur ein Beispiel zu nennen, dass uns kürzlich ein Bürgermeister einer Kleinstadt schilderte: Der Bau eines Hallenbades wäre finanzieller Selbstmord.

Infografik: Stadt-Land-Gefälle bei den US-Wahlen 2016 (blau = Demokraten, rot = Republikaner). Bild: metropolismag.com

Neben wirtschaftlichem Stillstand und verödeten und schrumpfenden Kleinstädten fördert der Trend der Urbanisierung auch eine wachsende Kluft zwischen Land- und Stadtbevölkerung und rückt damit einen heute zentralen politischen Konflikt in den Fokus. Die politische Kluft zeigt sich beispielsweise in den britischen Provinzen, die für den Brexit gestimmt haben, oder in den ländlichen Regionen der USA, in denen Donald Trump die meisten seiner Wähler:innen mobilisieren konnte. Ähnliche Beobachtungen wurden bei den jüngsten französischen Präsidentschaftswahlen gemacht.  Alles in allem haben die hier beschriebenen Dynamiken viele Dörfer und Kleinstädte an Rande des Aussterbens gebracht.

Brexit Referendum, 2016. Image: wikipedia.org

Der Wechsel der Gezeiten

Trotz solcher Trends und Entwicklungen können wir immer mehr beobachten, dass sich die Einstellung typischer Stadtbewohner:innen wandelt. Nicht wenige von jenen, die zuvor noch das dichte Treiben und die energische Unruhe auf belebten Straßen genossen haben, haben nun begonnen, die Kompromisse, mit denen sie bisher gut gelebt haben, in Frage zu stellen.

Immobilienmakler:innen in ganz Europa haben eine steigende Nachfrage nach Immobilien in ländlichen und vorstädtischen Gebieten festgestellt. So ist beispielsweise die Nachfrage nach Wohnimmobilien in den Wiener Vorstädten zwischen 2016 und 2020 um 54 % gestiegen. Heißt das, dass sich die Land-Stadt-Flucht umkehren könnte?

Für die scheinbare Stadtflucht gibt es seit langem viele Gründe. Die Mietpreise in den Städten sind in die Höhe geschossen und haben viele Bürger:innen, die keine ausreichend großen und erschwinglichen Wohnungen finden konnten, in prekäre Lebensverhältnisse gedrängt. Auch wenn sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt in den letzten Jahren für alle spürbar zuspitzte, stellte sie vor allem für Bürger:innen aus den unteren Einkommensschichten eine existentielle Bedrohung ihrer Lebensqualität dar.

Strolling around in small, provincial villages and towns across Europe has become increasingly depressing over the past decades. Image: Eduardo Arcos on Unsplash

Spätestens nach der Ankunft der Pandemie in Europa beginnt auch der Traum der freien, sich selbst verwirklichenden Stadtbewohner:in zu bröckeln. Das einschüchternde Risiko eines zunächst unerforschten, hochansteckenden Virus und die langwierigen Lockdowns haben den Wunsch nach einem beschaulicheren, grüneren, geräumigeren und intimeren Lebensraum geweckt.

Die Verschiebung der Wohnvorstellungen und -präferenzen ist jedoch möglicherweise nicht nur auf die mangelnde Qualität des Stadtlebens zurückzuführen. Die Pandemie hat dem Stau an Frustration und Entfremdung, der sich bei vielen Stadtbewohner:innen bereits seit langem angebahnt hat, noch mit Gefühlen der Einsamkeit und Anonymität angereichert. Geschuldet ist dies auch dem individualistischen Lebensstil, der vor allem in Großstädten vermehrt gepflegt wird.

Stadtteile verändern sich in kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit und Nachbar:innen, die seit einem Jahr nebeneinander wohnen, ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben, sind kein seltenes Phänomen. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung, die durch die COVID-19-Maßnahmen vielerorts weiter beschleunigt wurde und zu einer verstärkten Verlagerung von Arbeits-, Freizeit- und sogar Dienstleistungstätigkeiten in die Online-Welt geführt hat.

Während die Transformationen zweifellos eine Chance für viele Unternehmen und Individuen war und sie auf unverzichtbare Weise dabei unterstützt haben, in Krisenzeiten unabhängig zu bleiben, sich zu organisieren und zu expandieren, so haben sie uns auch in unbekannte Gefilde geführt. Eine Überflutung mit „Fake News“ und Verschwörungstheorien sowie der betrügerische Missbrauch persönlichen (digitaler) Daten haben unsere Beziehungen zu Werten wie Vertrauen, Authentizität und Solidarität gefestigt.

Könnte die zunehmende Digitalisierung in Zeiten globaler Krisen also eine Renaissance des Landlebens einleiten?

Wie kann man das Dorf wieder zum Leben erwecken?

Die Digitalisierung treibt Bürger:innen nicht nur aus den Großstädten, damit sie so ihrer Einsamkeit entkommen. Sie ist vielmehr der grundlegende Ermöglicher für die neue Stadtflucht. Zum Beispiel hat AirBnB erst kürzlich angekündigt, dass Mitarbeiter:innen überall leben und arbeiten können, wo sie wollen. Die Option der „Remote Work“ und des „Home Office“, hat dazu geführt, dass viele nicht mehr als notwendig erachten, in einer Stadt leben zu müssen, um Zugang zum Arbeitsmarkt und Firmenbüros zu haben.

Nun ziehen aber die Stadtrandbezirke vor allem die wirtschaftlich privilegierten städtischen Zuwander:innen an. Da Randbezirke einerseits oft näher am Grünen liegen, dies jedoch nicht auf Kosten medizinischer Versorgung und Bildungs- oder Verkehrsinfrastruktur, haben sie sich als attraktive „Light-Version“ des Landlebens erwiesen.

Eine Fortsetzung dieser Entwicklung würde jedoch die Kluft zwischen Stadt und Land weiter vertiefen, anstatt die sich entleerenden Dörfer neu zu beleben. Der sich abzeichnende Trend der Stadtflucht muss daher so abgefedert werden, dass die ländlichen Orte und Dörfer auf eine Weise revitalisiert werden, die solchen Regionen erlaubt, sich auf authentische und nachhaltige Weise zu entwickeln.

Die ländliche Regionen müssen deswegen mit jener Infrastruktur ausgestattet werden, die auch für typische Stadtbewohner:innen essentiell ist. Gleichzeitig darf die lokale Bevölkerung nicht außen vorgelassen werden – vielmehr sollten sie in die ganzheitliche Gestaltung des kontinuierlichen Belebungsprozesses nach ihren Bedürfnissen und Wünschen einbezogen werden.

Social project and network Neulandia. Image: neulandia.de

In den letzten Jahren sind bereits einige vielversprechende Projekte angelaufen, die darauf abzielen, ländliche Gebiete auf eine nachhaltigere Weise wiederzubeleben. So hat zum Beispiel das soziale Projekt und Netzwerk Neulandia zwei Projekte gestartet: „KoDörfer“ und „Summer of Pioneers“.

„KoDörfer“ versucht, das Beste aus beiden Welten zu verbinden: ländliches, ruhiges, gemeinschaftliches Wohnen und kreatives, lebendiges Leben unter Gleichgesinnten mit der dafür notwendigen Infrastruktur. Als genossenschaftliches Projekt bestehen die neu entstehenden KoDörfer aus mehreren kleinen, ökologisch errichteten Holzhäusern, die sich um große Gemeinschaftsflächen und gemeinsam genutzte Räume gruppieren. Da sie von Grund auf neu gebaut werden, können die zukünftigen Bewohner weitgehend in den Planungsprozess eingebunden werden und auch gemeinsam entscheiden, wie sie ihr zukünftiges KoDörfer gestalten wollen.

Im Gegensatz dazu konzentriert sich das Projekt „Summer of Pioneers“ auf die Wiederbelebung bereits bestehender Dörfer. Die Idee ist, einer Gruppe kreativer, städtischer Bürger:innen die Möglichkeit zu geben, über ein paar Monate hinweg in einem der am Projekt teilnehmenden Dörfer zu verbringen, um den ländlichen Lebensstil „auszuprobieren“. Das soll motivieren, sich mit der örtlichen Gemeinschaft auseinanderzusetzen und Ideen bis hin zu Plänen zu entwickeln, wie die Infrastruktur des Dorfes nach den Bedürfnissen aller Involvierten umstrukturiert werden kann.

Es gibt noch viele weitere faszinierende Projekte da draußen. Dennoch bleibt es unbestreitbar, dass die Wiederbelebung des Landlebens eine sorgfältige und durchdachte Planung sowie innovative Ideen braucht. Wir von theLivingCore sind derzeit an einem ähnlichen Wiederbelebungsprojekt in Vorarlberg beteiligt, das wir in den kommenden Monaten vorstellen werden.

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References

Cover image: Sven Fischer on Unsplash