8. Juni 2026
Thomas Fundneider

In-Between Spaces: Living Cities Need Voids and Edges

In der Stadtplanung neigen wir dazu, uns auf das Gebaute zu konzentrieren: Büros, Häuser, Einzelhandel, Infrastruktur – also gewissermaßen auf das, was auf Google Maps auffindbar ist. Alles andere ist entweder unsichtbar oder wird von Immobilienunternehmen als Entwicklungschance betrachtet. Ich halte das für einen tiefgreifenden Planungsfehler. Eine besondere Art von Raum, der sogenannte Zwischenraum, entzieht sich strukturierter Planung vollständig. Gehen Sie durch eine beliebige Stadt, und Sie werden sie finden: die Lücke zwischen einer Feuerwache und einem Parkhaus, der verwilderte Streifen entlang eines Kanals, die Brachfläche, auf der sich Jugendliche nach der Schule treffen. Die meisten Planungskarten lassen diese Räume leer. Doch gerade an diesen leeren Stellen spielt sich ein Teil des wichtigsten städtischen Lebens ab.

Das „Dazwischen“ birgt das Potenzial, Neues zu beherbergen und Möglichkeiten zu schaffen, die es an formal definierten Orten nicht gibt. Noch wichtiger: Das „Dazwischen“ bezieht sich nicht nur auf einen physischen Ort. Es spricht unsere Absichten an, unser Bewusstsein und unser Verständnis davon, was eine Stadt sein könnte. Wenn wir nur für Funktionen planen (Wohnen hier, Handel dort, Erholung anderswo), verdrängen wir die ungeplanten Begegnungen, die das städtische Leben lebenswert machen.


Was sind In-Between Spaces?

Zwischenräume sind die Leerstellen, Lücken und Ränder zwischen gebauten Formen – die übrig gebliebenen Räume, die ungewollt aufeinanderprallen oder Trennungen schaffen, die niemand geplant hat. Nehmen wir zum Beispiel die Brachfläche hinter einer Bahntrasse, den schmalen Durchgang zwischen zwei Wohnblöcken, das Ödland, auf dem früher eine Tankstelle stand, oder den ungeplanten Spielplatz, den Kinder am Fuß eines sozialen Wohnhochhauses für sich beanspruchen.

Diese Räume unterscheiden sich grundlegend von dem, was der Anthropologe Marc Augé „Nicht-Orte“ nannte – etwa Flughäfen, Einkaufszentren, Autobahnraststätten. Diese Orte werden negativ definiert, durch das, was ihnen fehlt, und nicht durch das, was sie sind: Sie sind ohne Identität, Geschichte und Beziehungen. Zwischenräume hingegen schaffen ein Gefühl von Identität, fördern soziale Interaktion und ermöglichen Erkundung. Sie sind eine Pause in der Funktionalität: noch nicht definiert, tragen sie unterschiedliche mögliche Zukünfte in sich, geformt von jenen, die sich auf sie einlassen.

Beispiele gibt es überall, sobald man gelernt hat, sie zu sehen: Brachflächen (nicht kontaminiert), Ödland, das von Nachbar:innen zurückerobert wurde, Zwischenräume zwischen Gebäuden und Straße, Stände, urbane Gärten, improvisierte Fußballplätze; kurz gesagt Räume, die durch Nutzung statt durch Definition zu einem Ort werden.
Zusammengefasst sind Zwischenräume nicht kommerziell, unkontrolliert, für alle zugänglich, noch nicht festgelegt – und sie laden ihre Nutzer:innen dazu ein, mitzugestalten, was als Nächstes kommt.


Warum sie wichtiger sind denn je

Mehrere zusammenlaufende Entwicklungen der letzten Jahre haben Zwischenräume nicht nur wünschenswert, sondern unverzichtbar gemacht – von den Lehren einer globalen Pandemie bis zu den stillen politischen Folgen, die der Verlust der Orte mit sich bringt, an denen Gemeinschaften zusammenkommen.

Die Pandemie hat es vorgeführt

COVID-19 verwandelte die Räume zwischen Gebäuden fast über Nacht in kritische Infrastruktur. Während Innenräume gefährlich wurden, wurden Gehwege, Brachflächen und übrig gebliebene Ecken zu Orten, an denen man essen, sich bewegen, sich treffen und durchatmen konnte. Eine im Journal of Engineering and Applied Science (2023) veröffentlichte Studie dokumentierte, wie taktischer Urbanismus (der auf schnellen, kostengünstigen, skalierbaren Eingriffen beruht) vernachlässigte städtische Leerstellen während der Pandemie in temporäre öffentliche Räume verwandelte. Pop-up-Märkte auf Parkplätzen, Freiluftklassen in Sackgassen, Yoga-Stunden auf verlassenen Bahnsteigen: Was unsichtbar gewesen war, wurde plötzlich unentbehrlich.

Die Lehre daraus ist eindeutig: Städte, die ihre Zwischenräume bewahrt hatten, waren widerstandsfähiger. Jene, die jede Lücke mit kommerzieller Bebauung gefüllt hatten, gerieten in Bedrängnis. Die Pandemie hat den Bedarf an Zwischenräumen nicht erst geschaffen, sie hat ihn nur sichtbar gemacht – vorhanden war er die ganze Zeit.

Das Verschwinden der Treffpunkte

Eine aufsehenerregende Studie des französischen Forschungsinstituts CEPREMAP, über die Anfang 2026 vielfach berichtet wurde, zeichnete die politischen Folgen des Verlusts informeller Treffpunkte nach. Frankreich verlor zwischen 2002 und 2022 18.000 Bar-Tabacs – jene bescheidenen Cafés, in denen sich Einheimische bei einem Kaffee trafen, über Neuigkeiten sprachen und einfach unter Nachbar:innen waren. In 22 % der Fälle blieb der Gemeinde, die ihr letztes Bar-Tabac verlor, überhaupt keine Gemeinschaftseinrichtung mehr: kein Restaurant, keine Bibliothek, keine Sporthalle, nichts. Die Forschenden stellten einen signifikanten und verzögerten Effekt auf die Wahl der rechtsextremen Rassemblement National fest: +0,92 Punkte nach 15 Jahren, +1,28 nach 20 Jahren. In ländlichen Gebieten erreichte der Effekt bei Präsidentschaftswahlen +3,3 Punkte.

Der Mechanismus ist nicht rätselhaft. Wenn der letzte informelle Treffpunkt verschwindet, fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. Wie der Soziologe Ray Oldenburg vor Jahrzehnten argumentierte, sind „dritte Orte“ (weder Zuhause noch Arbeitsplatz) jene Orte, an denen Gemeinschaft entsteht. Eine Studie aus dem Jahr 2019 im International Journal of Environmental Research and Public Health bestätigte, dass diese Räume mit Wohlbefinden, Zugehörigkeitsgefühl und verringerter Einsamkeit verbunden sind. Bis 2024 gaben 17 % der Amerikaner:innen an, keine engen Freunde zu haben – gegenüber 2,5 % im Jahr 1990. Die Erosion informeller Treffpunkte ist sowohl Symptom als auch Ursache dieser Isolation.

Paris als lebendiges Labor

Paris bietet einige der anschaulichsten zeitgenössischen Beispiele für zurückeroberte Zwischenräume. Im 12. Arrondissement ist ein Abschnitt der stillgelegten Bahnstrecke Petite Ceinture zu Bercy Beaucoup geworden: 9.000 Quadratmeter mit Gemeinschaftsgärten, einer Guinguette (Freiluftbar), Werkstätten, Konzerten und Karaoke-Abenden – betrieben von vier Vereinen, nicht von einem Bauträger. Nirgends sieht man eine Tasse, die zur nächsten passt, oder einen Lampenschirm, der gerade hängt; die Ästhetik ist die einer kreativen Unvollkommenheit – und genau darum geht es.

Im 20. Arrondissement wurde das Viertel Ménilmontant, einst ein Arbeiterquartier mit tiefen nordafrikanischen Wurzeln, 2025 von Time Out zu einem der coolsten Viertel der Welt gekürt – sehr zur Verwunderung der Anwohner:innen. Was es besonders macht, ist kein Museum und kein Denkmal, sondern das Geflecht des Alltags: gemeinschaftlich betriebene Kunsträume, günstige Couscous-Lokale, Bar-Terrassen, die auf die Gehwege überschwappen. Es ist, wie der Guardian-Autor Alexander Hurst schreibt, ein Ort, an dem man „einfach abhängen“ kann. Im März 2026 eröffnete auf 3.000 m² ein abgeschlossener Veranstaltungsort namens PRINT in einem ehemaligen Gebäude des Telekommunikationskonzerns Orange, das jahrelang leer gestanden hatte – eine unternehmerische Leerstelle, die so zu einem Raum für Musik, Essen und Begegnung wurde.

Die Stadt Paris kultiviert inzwischen aktiv das, was sie tiers-lieux (dritte Orte) nennt, in der ganzen Stadt. La Grande Coco im 20., Les Cinq Toits im 16., La Maison Faitout entlang der Petite Ceinture: Das sind Räume, an denen Menschen gärtnern, essen, Fahrräder reparieren, Theater proben und einfach ihre Nachbar:innen treffen. Sie sind die institutionelle Anerkennung dafür, dass Zwischenräume kein Planungszufall sind, sondern eine bürgerschaftliche Notwendigkeit.


What Other Disciplines Tell Us

The case for in-between spaces is strengthened by perspectives from well beyond urban planning.

Ecology: The Power of the Edge

In ecology, an ecotone is the transition zone between two ecosystems: forest meets meadow, river meets bank. These edges are among the most biodiverse and productive zones in nature. Recent research in urban ecology shows the same principle at work in cities: edge density of green cover positively influences pollinator richness, and cities are emerging as unexpected refugia for biodiversity. A 2025 workshop series under the European Research Council's NovelEco project explored how "urban wilding" (i.e. designing for the cohabitation of human and non-human species) can turn neglected edges into ecological assets. The powerful lesson for planning is that the most alive zones are not at the centre of things, but at the boundaries.

Neuroscience: Edges Restore the Mind

Neurourbanism, a growing field that uses wearable neuroimaging to study the brain in real-world environments, is producing striking findings. Exposure to green and semi-natural spaces, precisely the kind of unfinished, in-between environments discussed here, is associated with increased grey matter volume, improved attention, and reduced amygdala activation (a marker of stress). A 2024 study in Biological Psychiatry found that greenspace exposure during adolescence correlated with greater cortical surface area growth in brain regions linked to cognition. Meanwhile, current city living was found to increase amygdala activity during stressful tasks compared to rural living, but proximity to green or transitional spaces within the city buffered that effect. In-between spaces, it turns out, are not just socially restorative; they are neurologically so.

Complexity Science: Where Emergence Happens

Cities are complex adaptive systems, and complexity science tells us that the most interesting behavior occurs at the "edge of chaos", the zone between rigid order and total disorder. A 2024 systematic literature review of 91 studies linking complexity theory to urban sustainability confirmed that self-organization and adaptive governance are most effective when planners set broad conditions rather than prescribing specific outcomes. In-between spaces are, in this reading, the urban equivalent of the edge of chaos: unscripted zones where new patterns of use, community, and meaning can emerge without top-down direction.

Designing for the In-Between Spaces

In-between spaces are "empty spaces" that can be filled with any possibility. What their users project into them, an urban jungle, a sheltered hut, a stage, shapes the space as well as anyone who engages with it.

"Cities try to raise their profile by constructing new shopping streets and pavement cafés, hosting festivals, and allowing food trucks to operate in public squares. This increased commodification of spaces often leads to social inequality and the exclusion of certain groups. Free access to public spaces is increasingly threatened by privatisation and commercialisation."
— Irina van Aalst

In-between spaces celebrate diversity and difference by signaling that everyone is welcome, free and safe to enter. They blur the boundaries of public and private, formal and informal. Especially young people suffer when they disappear. Forced into predetermined settings, like shopping center, the school, the parents' house, teenagers lack opportunities for private, independent behavior. Exploring unconventional ideas, testing identities, learning to be in the world on their own terms. "Hanging out" in an in-between space is the quiet work of becoming, rather than idleness.

What now?

So, what can we do? Three things, at minimum.

First, we need a mindset shift. From seeing in-between spaces as disturbances to recognizing them as crucial elements of both rural and urban environments.

Second, we should resist the urge to over-design. Not every space needs to be "final and polished." The best spaces are unfinished. Not predetermined by convention, they emerge and change through the interactions of their users. This also applies to your own home and (to a lesser degree) to offices.

Third, city officials and developers need to actively provide opportunities for in-between spaces to exist and persist. Paris’s tiers-lieux program shows this is not utopian, it is policy. The 15-minute city model, now being adopted from Paris to Cleveland to Singapore, implicitly depends on a fine-grained urban fabric that includes unscripted spaces within walking distance of every resident.

Living cities thrive through diversity and openness. The void is not the enemy of the city – it is its creative engine. Every time we fill a gap with another glass-fronted retail unit, we eliminate a space where something unpredictable could have happened. Every time we leave a gap open, or better, protect it, we give the city room to breathe, to experiment, and to become something we had not yet imagined.

From Cities to Organizations: Where Is Your In-Between?

The same principle that animates living cities also animates living organizations. At theLivingCore, we call these unscripted zones Enabling Spaces: the rooms, conversations, and cultural gaps where strategy can breathe, where new meaning can emerge, and where innovation is not engineered but invited. The voids and edges that matter in cities matter just as much in teams, leadership cultures, and whole organizations.

So the question we would put to you is the same one we put to every city planner, every executive team, and every leader we work with: Where in your organization are you leaving room for the new?
If you are curious how the thinking in this essay translates to your context – your strategy, your teams, your next transformation – we would be glad to start a conversation. Reach out at welcome@thelivingcore.com, or explore more of our work in Viewpoints at thelivingcore.com.


Was andere Disziplinen uns sagen

Was für Zwischenräume spricht, wird durch Perspektiven weit jenseits der Stadtplanung untermauert.

Ökologie: Die Kraft des Randes

In der Ökologie ist ein Ökoton die Übergangszone zwischen zwei Ökosystemen: Wald trifft auf Wiese, Fluss trifft auf Ufer. Diese Ränder gehören zu den artenreichsten und produktivsten Zonen der Natur. Jüngere Forschung in der Stadtökologie zeigt, dass dasselbe Prinzip in Städten wirkt: Die Randdichte der Grünbedeckung beeinflusst den Blütenbesucher-Artenreichtum positiv, und Städte entwickeln sich zu unerwarteten Rückzugsräumen für die Biodiversität. Eine Workshop-Reihe aus dem Jahr 2025 im Rahmen des NovelEco-Projekts des Europäischen Forschungsrats untersuchte, wie „Urban Wilding“ (also das Gestalten für das Zusammenleben menschlicher und nichtmenschlicher Arten) vernachlässigte Ränder in ökologische Werte verwandeln kann. Die eindrucksvolle Lehre für die Planung lautet, dass die lebendigsten Zonen nicht im Zentrum der Dinge liegen, sondern an den Grenzen.

Neurowissenschaft: Ränder erholen den Geist

Der Neurourbanismus, ein wachsendes Feld, das mit tragbarer Neurobildgebung das Gehirn in realen Umgebungen untersucht, bringt bemerkenswerte Erkenntnisse hervor. Der Aufenthalt in grünen und halbnatürlichen Räumen – also genau jener Art unfertiger Zwischenumgebungen, von denen hier die Rede ist – geht einher mit einem größeren Volumen der grauen Substanz, besserer Aufmerksamkeit und einer geringeren Aktivierung der Amygdala (die als Stressindikator gilt). Eine Studie aus dem Jahr 2024 in Biological Psychiatry stellte fest, dass der Aufenthalt in Grünräumen während der Jugend mit einem stärkeren Wachstum der kortikalen Oberfläche in jenen Hirnregionen einherging, die mit Kognition verbunden sind. Zugleich zeigte sich: Das Leben in der Stadt steigert – verglichen mit dem Leben auf dem Land – die Aktivität der Amygdala bei stressreichen Aufgaben; doch die Nähe zu grünen oder übergangshaften Räumen innerhalb der Stadt federte diesen Effekt ab. Zwischenräume wirken, wie sich herausstellt, nicht nur sozial erholsam, sondern auch neurologisch.

Komplexitätsforschung: Wo Emergenz geschieht

Städte sind komplexe adaptive Systeme, und die Komplexitätsforschung sagt uns, dass das interessanteste Verhalten am „Rand des Chaos“ auftritt – in der Zone zwischen starrer Ordnung und völliger Unordnung. Eine systematische Literaturübersicht aus dem Jahr 2024, die 91 Studien zur Verknüpfung von Komplexitätstheorie und städtischer Nachhaltigkeit auswertete, bestätigte, dass Selbstorganisation und adaptive Steuerung am wirksamsten sind, wenn Planer:innen breite Rahmenbedingungen setzen, statt konkrete Ergebnisse vorzuschreiben. Zwischenräume sind, so gelesen, das städtische Äquivalent zum Rand des Chaos: ungeplante Zonen, in denen neue Muster der Nutzung, der Gemeinschaft und der Bedeutung ohne Steuerung von oben entstehen können.

Für die Zwischenräume gestalten

Zwischenräume sind „leere Räume“, die sich mit jeder denkbaren Möglichkeit füllen lassen. Was ihre Nutzer:innen in sie hineinprojizieren – einen städtischen Dschungel, eine schützende Hütte, eine Bühne –, das prägt den Raum genauso, wie umgekehrt jeder prägt, der sich auf ihn einlässt.

"Cities try to raise their profile by constructing new shopping streets and pavement cafés, hosting festivals, and allowing food trucks to operate in public squares. This increased commodification of spaces often leads to social inequality and the exclusion of certain groups. Free access to public spaces is increasingly threatened by privatisation and commercialisation."
— Irina van Aalst

Zwischenräume feiern Vielfalt und Verschiedenheit, indem sie signalisieren: Alle sind willkommen und dürfen sie frei und gefahrlos betreten. Sie verwischen die Grenzen zwischen öffentlich und privat, formell und informell. Besonders junge Menschen leiden, wenn solche Räume verschwinden. Gedrängt in vorgegebene Umgebungen – das Einkaufszentrum, die Schule, das Elternhaus –, fehlt Jugendlichen der Raum für privates, selbstbestimmtes Verhalten: um unkonventionelle Ideen auszuprobieren, mit Identitäten zu experimentieren und zu lernen, auf eigene Weise in der Welt zu sein. Das „Abhängen“ in einem Zwischenraum ist kein Müßiggang, sondern die stille Arbeit des Werdens.

Was nun?

Also, was können wir tun? Mindestens drei Dinge.

Erstens brauchen wir einen Sinneswandel: weg davon, Zwischenräume als Störungen zu sehen, hin dazu, sie als entscheidende Elemente sowohl ländlicher als auch städtischer Umgebungen anzuerkennen.

Zweitens sollten wir dem Drang widerstehen, alles zu Ende zu gestalten. Nicht jeder Raum muss „fertig und poliert“ sein. Die besten Räume sind unfertig. Nicht durch Konventionen vorbestimmt, entstehen und verändern sie sich durch die Interaktionen ihrer Nutzer:innen. Das gilt auch für das eigene Zuhause und (in geringerem Maße) für Büros.

Drittens müssen Stadtverantwortliche und Bauträger aktiv Gelegenheiten dafür schaffen, dass Zwischenräume entstehen und bestehen können. Das tiers-lieux-Programm von Paris zeigt, dass das nicht utopisch ist, sondern Politik. Das Modell der 15-Minuten-Stadt, das nun von Paris über Cleveland bis Singapur übernommen wird, hängt implizit von einem feingliedrigen städtischen Gefüge ab, das ungeplante Räume in Gehweite aller Bewohner:innen umfasst.
Lebendige Städte gedeihen durch Vielfalt und Offenheit. Die Leerstelle ist nicht der Feind der Stadt – sie ist ihr kreativer Motor. Jedes Mal, wenn wir eine Lücke mit einer weiteren verglasten Einzelhandelsfläche füllen, beseitigen wir einen Raum, in dem etwas Unvorhersehbares hätte geschehen können. Jedes Mal, wenn wir eine Lücke offen lassen oder, besser noch, sie schützen, geben wir der Stadt Raum zum Atmen, zum Experimentieren und dazu, etwas zu werden, das wir uns noch nicht vorgestellt hatten.

Von Städten zu Organisationen: Wo ist Ihr Dazwischen?

Dasselbe Prinzip, das lebendige Städte beseelt, trägt auch lebendige Organisationen. Bei theLivingCore nennen wir diese ungeplanten Zonen Enabling Spaces: die Räume, Gespräche und kulturellen Zwischenräume, in denen Strategie atmen kann, in denen neue Bedeutung entsteht und in denen Innovation nicht erzwungen, sondern eingeladen wird. Leerstellen und Ränder zählen in Städten – und sie zählen genauso in Teams, in Führungskulturen und in ganzen Organisationen.

Die Frage, die wir Ihnen stellen würden, ist dieselbe, die wir jeder:jedem Stadtplaner:in, jedem Führungsteam und jeder Führungskraft stellen, mit der wir arbeiten: Wo lassen Sie in Ihrer Organisation Raum für das Neue?

Wenn Sie wissen möchten, wie sich die Überlegungen dieses Essays auf Ihren Kontext übertragen lassen – Ihre Strategie, Ihre Teams, Ihre nächste Transformation –, kommen wir gern mit Ihnen ins Gespräch. Melden Sie sich unter welcome@thelivingcore.com, oder entdecken Sie mehr von unserer Arbeit in Viewpoints auf thelivingcore.com.


Bilder in der Reihenfolge ihres Erscheinens: Fionn Grosse, Alain Rouiller, and Rohit @ Unplash


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