Was macht den Kern eines Kaffeehauses aus? Wir betrachten es als Ort, an dem Neues entsteht: als Enabling Space, in dem Muße, Rückzug und Gespräch jene Qualitäten schaffen, die Organisationen so oft vergeblich zu planen versuchen. Teil 1 von 2.
Sich Ausklinken aus dem hektischen, rastlosen und bis zur Absurdität hin geschäftigen Alltag und doch zugleich „in der Welt und in Resonanz mit der Welt sein“ — Ankommen an einem Ort der Hospitalité, des tiefen Gesprächs und Dialogs, in einem Rückzugsgebiet für den Geist, in dem er zur Ruhe kommen, sich ausrasten und öffnen kann. Öffnen für das Neue und für das Einnehmen neuer Perspektiven auf die Welt und auf sich selbst.
In einer gehetzten und durch Profit getriebenen Gesellschaft ist die Sehnsucht nach einem „slow space“ größer denn je, einem Ort, an dem aus der Langsamkeit, der Ruhe und dem Rückzug, aber auch aus dem qualitätsvollen Gespräch Neues in und um uns entstehen kann. Die Rede ist nicht etwa von einem sakralen Raum, sondern vom Kaffeehaus als einem Ort des Lernens, des Hin(-ein-)hörens in die Welt und doch zugleich des Geschütztseins vor der Welt; ein Ort, der eben durch diese Spannung zwischen Privat und Öffentlich einerseits und Rückzug und in Interaktion Treten andererseits das Entstehen des Neuen ermöglicht und fördert — ein Ort als Enabling Space.
Warum uns das beschäftigt: In unserer Arbeit mit Organisationen begegnet uns immer wieder dieselbe Bestellung — Innovation, bitte planbar, mit Meilensteinen und verlässlichem Ergebnis. Der Wunsch ist verständlich und im Kern unerfüllbar. Das wirklich Neue lässt sich nicht herstellen, es lässt sich nur ermöglichen. Genau deshalb interessieren uns Orte mindestens ebenso sehr wie Methoden. Und das Kaffeehaus ist dabei ein erstaunlich präziser Lehrmeister: Es tut seit dreihundert Jahren beiläufig das, wofür Unternehmen heute Programme aufsetzen.
In diesem ersten Teil gehen wir der Frage nach, was Lernen im Tiefsten eigentlich ist — und warum das Kaffeehaus dafür bessere Bedingungen bietet als das moderne Großraumbüro. Teil 2 widmet sich dann jener Qualität, die all dem zugrunde liegt: der Muße. Und der Frage, warum sie sich in Organisationen so hartnäckig der Nachahmung entzieht.
Warum uns der Kern interessiert
Wir — die Autoren — beschäftigen uns mit dem Kern. Mit dem Wesen von Dingen, sowohl in Organisationen als auch in größeren sozialen Einheiten (z. B. urbanen Strukturen). In diesem Beitrag wollen wir der Frage nachgehen, was den Kern eines Kaffeehauses ausmacht — und zwar aus einer besonderen Perspektive: Wir untersuchen das Kaffeehaus als einen Ort, an dem das Neue entstehen kann, an dem gelernt und neues Wissen generiert wird.
Bevor wir uns also mit dem Kaffeehaus beschäftigen, müssen wir einen kurzen Exkurs in den Bereich des Lernens und der Wissensgenerierung unternehmen.

Lernen heißt: Reibung mit der Wirklichkeit
Im Tiefsten geht es beim Lernen um die Veränderung von Wissen. Wir alle haben über die Jahre ein bestimmtes Weltbild entwickelt, um im Alltag erfolgreich agieren zu können. Wir haben beispielsweise gelernt, dass wir automatisiert auf die Bremse steigen, wenn beim Autofahren ein Reh auf die Straße springt.
Im Gegensatz zu solchen Routineprozessen besteht die lustvollere Spielart des Lernens im Hervorbringen des Neuen. Eine Idee oder einen genialen Gedanken zu haben — ein geheimnisvoller Prozess, der gepflegt werden will. Es ist das Wesen des Neuen, dass es, wenn es wirklich profund ist, unser Weltbild zu bestimmen beginnt und in die Welt gebracht werden will. Dies geschieht — bildlich gesprochen — in einem Prozess der „Reibung des Neuen mit der Realität“, ähnlich dem Lernprozess in einem Experiment. Das Neue wird der Umgebung ausgesetzt (z. B. indem über eine Idee gesprochen wird, sie ausprobiert, getestet wird), und wir erfahren die Reaktion der Menschen, der Umwelt und so weiter.
Diese Interaktion kann physisch schmerzhaft sein: Ein Kleinkind läuft gegen eine Glastür, weil es das Konzept „durchsichtig und zugleich Wand“ noch nicht erfahren hat; sein Weltbild verändert sich genau in diesem Moment radikal — es „lernt“. Sie kann aber auch emotional schmerzhaft sein: Denken Sie an Momente in Ihrem Leben, in denen Sie lange eingeübte „Mindsets“ aufgeben mussten, weil Sie erfahren haben, dass diese nicht (mehr) zutreffen.
Man kann dies mit einer „Schlüssel-Schloss-Metapher“ vergleichen (vgl. von Glasersfeld 1995): Unser mental konstruierter Schlüssel passt — oder passt eben nicht — in das Schloss der Wirklichkeit. Es ist evident, dass sich diese Prozesse nicht ausschließlich in unserem Kopf abspielen; es findet vielmehr ein permanenter Wechsel statt, eine Interaktion, ein Tanz zwischen unserem eigenen kognitiven System und der Umgebung. Diese Räume, die uns umgeben, sind sowohl physischer (Architektur) als auch — und in vielen Fällen wichtiger als der gebaute Raum — sozialer, emotionaler und kultureller Natur.

Das Kaffeehaus als Interface zwischen privat und öffentlich
Das Kaffeehaus bietet einen halb-öffentlichen Raum an, in dem man sich einerseits zurückziehen kann und andererseits auch die für das Lernen und das Generieren neuen Wissens erforderliche Reibung mit der Realität vorfindet. Es ist Wissens- und Lernort, indem es ein fluides Interface zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Es erweitert den privaten Raum ins Öffentliche und den öffentlichen Raum ins Private.
Hierbei sind mehrere Dimensionen beteiligt: die physische Erweiterung des Kaffeehauses durch Aneignung von öffentlichen Flächen wie Gehsteigen und Plätzen. Vor allem jedoch die soziale und emotionale Dimension, die Gregor Eichinger so treffend als „mit sich alleine in Gesellschaft zu sein“ beschrieben hat: selbst zu entscheiden, ob man zurückgezogen in einer Nische „unsichtbar“ eine introvertierte Haltung bzw. Beobachterrolle einnehmen möchte oder ob man zentral im Raum sitzt — ohne Zwang, aber mit Möglichkeiten zur Interaktion.
Das Kaffeehaus also als Lernort. Das war übrigens auch schon in der Vergangenheit so. Man denke an die vielen Dialog-Zirkel oder an die weithin bekannten Literatencafés, in denen Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und Unternehmer ohne Disziplinen-Korsett Zukunft erdachten und erprobten.

Szenenwechsel: Kann im Großraumbüro Neues entstehen?
Das moderne Großraumbüro. Kann hier gelernt werden? Kann hier Neues entstehen? Wie wird mit dem Wechselspiel zwischen Privatheit und Öffentlichkeit umgegangen, das für den Lern- und Wissensgenerierungsprozess so essenziell ist?
Offensichtlich nicht zufriedenstellend, wie Befragungen in Unternehmen zeigen, die auf moderne Shared-Office-Konzepte umgestiegen sind — und wie es auch der Film „Work Hard, Play Hard“ angedeutet hat. Wenn nur noch kommuniziert wird: Wer denkt dann eigentlich noch nach? Wer hat Zeit und Muße, sich dem Risiko des Neuen zu stellen? Der Wunsch der Mitarbeiter/innen nach mehr Privatheit im Büro ist nicht zu überhören.
Vielen modernen Büros fehlt eine emotionale Sicherheitszone, die das Kaffeehaus so charmant zur Verfügung stellt: das Kaffeehaus als Wissensarbeitsplatz, als „Großraumbüro“, ohne dass man merkt, dass es sich um einen Arbeitsplatz handelt.
Was macht diesen Unterschied zwischen dem Großraumbüro und dem Kaffeehaus als Wissensarbeitsplatz aus?
Fortsetzung folgt
Die Antwort hat mit einer Qualität zu tun, die in keinem Projektplan vorkommt und die Künstler und Mönche längst kannten: Muße. In Teil 2 gehen wir ihr nach — und der Frage, warum die hippe Coffee-Lounge im Konzern das Kaffeehaus eben nicht ersetzen kann.
Bis dahin eine Frage zum Mitnehmen: Wann ist Ihnen zuletzt bei der Arbeit etwas wirklich Neues eingefallen — und war es dort, wo Sie es geplant hatten?
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Referenzen
- Clark, A. (2008). Supersizing the mind. Embodiment, action, and cognitive extension. Oxford, New York: Oxford University Press.
- Glasersfeld, E. v. (1995). Radical constructivism: a way of knowing and learning. London: Falmer Press.
- Kao, J., Nonaka, I., & Scharmer, C. O. (2000). The seventh career: building an innovation keiretsu. Conversation with John Kao (The Idea Factrory). Retrieved from http://www.dialogonleadership.org/Kao-2000.pdf (date of download: 21.09.2005)
- Peschl, M. F., & Fundneider, T. (2012). Spaces enabling game-changing and sustaining innovations: Why space matters for knowledge creation and innovation. Journal of Organisational Transformation and Social Change (OTSC), 9(1), 41–61.
- Pieper, J. (1965). Muße und Kult (7th ed.). München: Kösel.
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Der Originaltext erschien in: Peschl, M. F. & Fundneider, T. (2012). Die Muße küsst im Kaffeehaus. Brutstätte der Zukunft und Ort der Begegnung mit dem Neuen. In MAK & departure (Eds.), Das große Wiener Kaffeehaus-Experiment (pp. 49 ff.). Vienna: Metroverlag. Die hier veröffentlichte Fassung wurde überarbeitet, in zwei Beiträge aufgeteilt und trägt einen neuen Titel; inhaltlich entspricht sie dem Original.
